Der »Vater« der Stressforschung, Selye, und der Forscher Levi verstehen unter Stress ein unspezifisches stereotypes phylogenetisch altes Antwortmuster, Vorbereitung für Kampf und Flucht. Was bedeuten die einzelnen Wörter?
Zunächst muss man unterscheiden zwischen dem Stressor, womit der Reiz bezeichnet wird, der auf einen Organismus trifft (z. B. Ärger), und der Stressreaktion, womit die Reaktion des gestressten Organismus gemeint ist.
Unspezifisch bedeutet, dass die Stressreaktion keinen Unterschied aufweist, wenn der von außen kommende Stressor wechselt (ob Gefahrensituation, Verletzungen, seelischer Druck, Aufregung).
Stereotyp meint, dass die Stressreaktion immer in der gleichen Weise abläuft das Herz kann eben nur schneller schlagen (unabhängig, ob es sich um Aufregung, Fieber oder körperliche Anstrengung handelt).Phylogenetisch alt bedeutet, dass in der Entwicklungsgeschichte der Lebewesen dieses Antwortmuster weit zurückverfolgt werden kann. Letztlich ist die Stressreaktion eine Fähigkeit zum Überleben.
Wenn es beispielsweise in unserer Vorzeit im Busch raschelte, dann mussten unsere Ahnen gewappnet sein, sehr schnell zu reagieren. Ist es ein Beutetier, welches gefangen werden muss? Oder womöglich ein böses Tier, vor dem ich fliehen muss? Die Stressreaktion läuft reflexmäßig ab. Der Stressor drückt auf den “Klingelknopf”, und in der Wohnung (Organismus) wird die “Glocke” ausgelöst (die Stressreaktion). Wenn die Stressreaktion, ausgelöst durch einen Stressor, als Reflex abläuft, dann kann man sie auch nur schwer unterdrücken. Dazu ein Beispiel: Der Stressor sei Ärger (vielleicht ein Strafzettel). Die Stressreaktion führt zu einer Änderung des Atemmusters, des Energieumsatzes, der Kreislaufreaktion. Die Muskelarbeit wird unwillkürlich gesteigert, damit nimmt die Muskelanspannung (der Muskeltonus) unwillkürlich zu. Das sieht man auch äußerlich, wenn jemand unter Stress steht. Er ist verkrampft, d.h. die Muskeln sind angespannt.
Diese Stresssituation kann man nicht unterdrücken. “Beherrsch dich!” oder “Reg dich nicht auf” sind eigentlich sinnlose Aufforderungen, wir können von Natur aus die Stressreaktion nur sehr schwer beherrschen, auch nicht die innere Aufregung.
Fassen wir zusammen: Es gibt einen Reiz (den Stressor), auf ihn antwortet der Organismus mit einer Vorstartreaktion oder Bereitstellreaktion (eben der Stressreaktion). Die Stressreaktion will bereitmachen für eine körperliche Handlung. Wenn dieses Antwortmuster der körperlichen Handlung nicht realisierbar ist, können körperliche und seelische Störungen entstehen. Deshalb reagieren die Menschen der zivilisierten Welt so krankmachend auf Stress. Wenn uns der Chef ärgert und wir die innere Stressreaktion spüren, können wir nicht (wie wir seit Urzeiten programmiert sind) mit Flucht oder Kampf reagieren, wir können dem Chef weder aufs Haupt hauen noch aus dem Zimmer rennen.
Fazit: Stress ist ein uraltes Programm, welches bei jedem Menschen abläuft. Wenn Stress nicht durch Muskelaktivität schnell abgebaut werden kann, können körperliche seelische Schäden entstehen, besonders wenn der Stress über Jahre und Jahrzehnte auf uns einwirkt.
Stress macht das Blut dickflüssig
Beispiel des psychischen Stresses
Die Versuchspersonen mussten in einer Zeitspanne von 10 Minuten jeweils die Zahl sieben von einer vierstelligen Zahl abziehen. Das musste so schnell wie möglich gehen. Immer wieder wurden die Versuchspersonen von dem Versuchsleiter angehalten, lauter zu sprechen oder genauer zu sein. Der Stress, der mit dieser Versuchsanordnung gesetzt wird, besteht nicht nur in der geistigen Leistung der Rechenaufgabe, sondern auch und besonders in der Anwesenheit eines Versuchsleiters (Aufpasser, Vorgesetzter: schneller! genauer!) und in dem Zeitdruck. Zeitdruck ist mit das Schlimmste für Menschen. Zeitdruck in der Arbeit, Hetzarbeit macht krank.
Beispiel des körperlichen Stresses
Die Versuchspersonen mussten über zweieinhalb Minuten die Hände in Eiswasser von 4 o C eintauchen.
Zu den Ergebnissen:
Beide, nervöser wie auch körperlicher Stress, erhöhten die Aktivität der Blutplättchen. Der Stress durch das Rechenexperiment wirkte sich stärker auf die Blutplättchen aus als der Stress beim Eintauchen der Hand ins kalte Wasser. Auch blieb die Stresswirkung auf die Klebrigkeit der Blutplättchen beim nervösen Stress über 1,5 Stunden erhalten, wohingegen der körperliche Stress durch das Eiswasser nur fünf bis acht Minuten in der Wirkung anhielt.
Durch den nervösen und den körperlichen Stress kam es weiterhin zu einer Eindickung des Blutes. Knapp 10 % der reinen Blutflüssigkeit (d.h. ohne die Blutbestandteile wie Plättchen, weiße und röte Blutkörperchen und Bluteiweißstoffe) wurde aus dem Blutgefäßsystem in das Gewebe verlagert. Das Blut in den Blutgefäßen selbst wird also zähflüssiger. Zähflüssigkeit kann zu Verstopfungen führen. Die Zähflüssigkeit, verbunden mit der erhöhten Verklumpungsbereitschaft der Blutplättchen, erhöht das Risiko für die Verklebung von Blutgefäßen am Herzen, an den versorgenden Gefäßen für das Gehirn (Schlaganfall) und auch an anderen gerinnungsgefährdeten Stellen des Körpers wie den Beinen (tiefe Beinvenenthrombose).
Der nervöse und der körperliche Stress erhöht den Blutdruck. Ein erhöhter Blutdruck ist ein Risiko für den Schlaganfall und für den Herzinfarkt. Der erhöhte Blutdruck ist auch dafür anzuschuldigen, dass die Blutflüssigkeit (wohlgemerkt ohne die Zellen und das Bluteiweiß) aus den Blutgefäßen ins Gewebe gedrückt wird. Erhöhter Blutdruck macht das Blut zähflüssig .
Wie kann man dem Stress entgehen?
Grundsätzlich gilt: Man sollte sich langsam und allmählich dem Stressor aussetzen. Das ist ähnlich wie beim Sonnenbaden. Wer sich käseweiß in die pralle Sonne liegt, wird nach einer Stunde die ersten Blasen spüren. Der Seemann, der Landmann oder der Skilehrer werden ihre gebräunte, sonnenangepasste Haut nahezu ohne Schaden den ganzen Tag der Sonne zeigen können. Wie ist es aber mit nervösem Stress? Nervöser Stress lässt sich durch Training kaum so abbauen wie körperlicher Stress, eher im Gegenteil. Umso häufiger man demselben nervösen Stressor ausgesetzt wird, umso schneller und ausgiebiger kann die Stressreaktion sein, z.B. schon beim Anblick des “Stressors” (das kann ein Mensch sein, ein Raum, eine Infusionsflasche). Nervöse Stressreaktionen kann man nur durch Distanz vermeiden. Wirkungsvoll ist es nach meiner Erfahrung auch, wenn man den Stressor, wenn es ein Mensch ist (z.B. der Vorgesetzte), vorher “berechnet”. Man schreibt sich diese Berechnung am besten auf, sonst wirkt es nicht. Man schreibt beispielsweise auf: Wenn XY zu mir kommt, dann wird das so vonstatten gehen (Sie haben ja Erfahrung, wie sich XY im allgemeinen verhält). Wenn Sie sich der Mühe unterziehen, die stressende Person vorherzusagen, werden Sie beim Zusammentreffen mit dem Stressor in Gedanken immer vergleichen, ob Ihre Voraussage richtig war. Sie werden also letztlich Distanz zum Stressor bekommen. Da Sie den Stressor kalkulieren, nehmen Sie eine Position oberhalb des Stressors ein. Außerdem ist zu empfehlen, sich vor voraussehbaren stressenden Ereignissen aktiv durch eine Entspannungstechnik, die man gut beherrscht, zu entspannen. Auch während der Stresssituation kann man mitunter Augenblicke aussparen, um Entspannungsmomente zu aktivieren. Wichtig ist auch, nach der Stresssituation eine kurze Entspannungsphase anzuschließen, damit nicht die Erinnerung an den Stress gewissermaßen in den Gliedern haften bleibt unsere Knochen haben ein längeres Gedächtnis als unser Gehirn.